Neue Musik-Zeitung

Am 29. November dieses Jahres feiert Waldemar von Baußnern seinen 60. Geburtstag. Schon vor zwei Jahren, bald nach seiner Berufung nach Berlin, habe ich in einem Aufsatz in der Berliner Allgemeinen Musikzeitung darauf hingewiesen, was für ein merkwürdiges Künstlerschicksal diesem deutschen Komponisten eigentlich beschieden gewesen ist: daß sein äußeres Leben das typische Bild des deutschen Musikers zeigt, der nicht über so viel Geldmittel verfügt, um unabhängig nur seinem Schaffen leben zu können (ein wie kleiner Prozentsatz ist das doch, und darunter nicht immer die besten!), der in hartem Kampfe um das tägliche Brot als Musiklehrer (am Kölner Konservatorium) und Leiter von Chorvereinigungen sich allmählich emporarbeitet zum Direktor der damaligen Großherzoglichen Musikschule in Weimar (1908—1916), dann des Hochschen Konservatoriums in Frankfurt — in beiden Anstalten war er nicht auf Rosen gebettet —, bis dann im Jahr 1923 eine Berufung nach Berlin an die Akademie der Künste und an die Akademie für Kirchen- und Schulmusik ihm endlich eine sorgenfreie Existenz ermöglichte.

In diesem harten Kampfe um die materielle Existenz wie um seine Stellung als Künstler ist Baußnern nun sechzig Jahre geworden, ohne daß der größere Teil seiner Werke Verbreitung gefunden hätte — sind doch seine wichtigsten Werke, seine Sinfonien (bis jetzt sieben), noch nicht einmal gedruckt und nur vereinzelt da und dort aufgeführt worden! Am meisten Verbreitung hat ein Werkchen erlangt, das für ihn nicht charakteristisch ist und das seine Entstehung nur einem Zufall, für den Gebrauch in den Weimarer Jugendkreisen verdankt: die dreistimmig gesetzten alten Volkslieder (Verlag Elwert, Marburg), die in der Jugendbewegung eine Zeitlang viel gesungen wurden, bis sie durch die (mir persönlich weniger zusagenden) Sätze in der „Musikantengilde" und im Jödeschen „Musikanten" abgelöst wurden. Das eigentliche Lebenswerk Baußnerns harrt aber noch seiner Erweckung, wenn auch in letzter Zeit erfreuliche Ansätze zu allgemeinerer Beachtung vorhanden sind. Baußnern stammt aus einer in Siebenbürgen eingewanderten sächsischen Familie (der Name leitet sich von Bautzen ab), und Siebenbürgen hat ihn im letzten Jahre durch ein großangelegtes, über mehrere Orte sich erstreckendes Musikfest mit nur Baußnernschen Werken als seinen Nationalkomponisten gefeiert. Gewiß sind im Lebenswerk Baußnerns starke Einflüsse ungarischer und siebenbürgischer Volksmusik nachzuweisen — ein Oktett ist „dem Lande meiner Kindheit" gewidmet, eine Sinfonie heißt „Die Ung'rische", aber daraus allein läßt sich die Musik Baußnerns nicht ableiten. Sie ist überhaupt stilistisch schwer einzuordnen, schließt sich von den älteren Schulen weder an Brahms noch an Liszt, von jüngeren weder an Strauß noch an Reger an. Mit allen vier Meistern aber hat sie immerhin gewisse Berührungspunkte: Dem Andenken von Brahms hat Baußnern seine II. Sinfonie gewidmet und seine Melodik ist oft der Brahmsschen verwandt; mit Liszt verbindet ihn eine Vorliebe für starke rhythmische und elementare harmonische Wirkung; mit Richard Strauß seine virtuose Behandlung des großen und größten Orchesters; am wenigsten mit Reger, obwohl da immerhin bei beiden eine Verwandtschaft in der vorwiegend harmonischen Art des Kontrapunktes besteht (der bei Baußnern allerdings noch stärker harmonisch fundiert ist als bei Reger).

Aber aus dem rein Technischen läßt sich Baußnerns Musik weder verstehen noch gerecht würdigen: man muß sie auffassen als Ausfluß eines überaus starken Lebensgefühls und Lebenswillens. Immer stellt er sich die höchsten Aufgaben und Ziele: in seinen Sinfonien, von denen einige, ähnlich denen Mahlers, Solostimmen und Chor heranziehen, in seinem großen Chorwerk „Das Hohe Lied vom Leben und vom Sterben" (nach Gedichten von Gottfried Keller, C. F. Meyer, Nietzsche u. a.), das übrigens gedruckt vorliegt (im Verlag von C. F. Leuckart, Leipzig) und bei zahlreichen Aufführungen jedesmal eine tiefgehende Wirkung ausgeübt hat.

Man kann fragen, ob das Lebenswerk eines Musikers, der noch so fest im 19. Jahrhundert verankert ist wie Baußnern, noch das Recht hat, im 20. Jahrhundert diskutiert und gehört zu werden, nachdem unsere ganze Musik äußerlich und innerlich stärkere Wandlungen erfahren hat als in den hundert Jahren zuvor, und heute die junge Generation gebieterisch verlangt, gehört und aufgeführt zu werden? In der Tat wird das 20. Jahrhundert einen großen Teil der Musik aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Ballast zurücklassen, und darunter werden auch nicht wenige Werke Baußnerns sein. Aehnlich wie Schubert und Reger gehört er zu den unablässig produzierenden Komponisten, bei denen die Werke so dastehen, wie sie aus dem ersten Einfall entspringen und bei denen später nur selten und ungern gefeilt wird — eher entsteht dann gleich ein neues Werk. Wenn das Einsteinsche Neue Musiklexikon von Baußnern sagt, er feßle „durch die große Intention seiner Werke, die durch ein starkes Können gestützt, freilich auch durch einen gewissen Akademismus gehemmt wird", so bedeutet das wohl mehr eine Kritik der Zahlreichen schwächeren Werke Baußnerns, als seiner großen, die weit über den Begriff des „Akademismus" hinausragen. Diese Werke — das „Hohe Lied", die III. und V. Sinfonie — wollen über eine rein ästhetische Wirkung hinaus ins Ethische übergreifen, sie sind ihrer Haltung nach von höchstem und reinstem Idealismus getragen. Ein Tondichter, der derartige Werke schreibt, hätte in Deutschland das Recht, sollte man meinen, mindestens einmal in den großen Musikstädten aufgeführt und dem deutschen Musikpublikum wirklich zu Gehör gebracht zu werden — ich glaube nicht, daß in Frankreich, England oder Italien eine derartige Vernachlässigung eines ausgesprochen national wirkenden Komponisten möglich wäre.

Uebrigens finden sich auch unter den kleinen Werken Baußnerns meisterhafte Kabinettstücke, wie die „Elegie" für Violine und Klavier, eine Serenade in Es dur für Violine, Klarinette und Klavier (ein frühes Werk) und manches andere. In letzter Zeit sind zwei große Orgelwerke entstanden: Passacaglia in c moll und eine Reformationssonate über „Ein' feste Burg". Da Baußnerns Schaffen nicht nach Opuszahlen geordnet und bei einer Anzahl von Verlegern verstreut ist, läßt sich nur sehr schwer eine chronologische Uebersicht gewinnen. Ich habe in dem oben erwähnten Aufsatz in der Allgemeinen Musikzeitung ein nach Gattungen geordnetes Verzeichnis der Werke Baußnerns (auch der ungedruckten) gegeben, auf das ich hier verweisen darf. Möchten diese Zeilen dazu beitragen, die Aufmerksamkeit besonders der maßgebenden Kreise — der großen, deutschen Konzertinstitute, der Chorvereine — auf einen Mann zu lenken, der so gut wie Strauß, Reger, Pfitzner, Mahler verdient, aufgeführt zu werden, und der niemals, weder unter Kollegen, noch in der Presse eine Gefolgschaft gefunden hat, die tatkräftig für ihn eingetreten wäre, so daß er jetzt bei seinem sechzigsten Geburtstag nicht etwa aus einer halben Vergessenheit wieder vorgeholt, sondern — ein seltenes und nur mit Bruckner vergleichbares Schauspiel — überhaupt erst zur Debatte gestellt wird! Möchte es nicht zu spät sein, und möchte dem innerlich immer noch jungen Jubilar das Leben im nächsten Dezennium das geben, was es ihm an Erfolgen in den früheren vorenthalten hat!

Quelle:
Neue Musik-Zeitung, Jg 5, 1927, S. 80+81
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