Unsere Singkreise – Rundbrief Nr. 16 – Stuttgart, September 1958
…im Juli 1958 Liebe Grischkat-Singkreisfreunde!
Ich soll für Euer "Blättle" etwas über das Bachfest schreiben, und da ich ein eifriger und dankbarer Leser Eurer Rundbriefe bin, so will ich's auch tun, aber wie und was? Ich lese jetzt ziemlich lustlos die ersten zusammenfassenden Berichte über das Bachfest in auswärtigen Zeitungen und Zeitschriften, denn kann so eine Aufzählung der Veranstaltungen mit ein paar guten oder schlechten Zensuren, die der Berichterstatter so nebenher austeilt, dem Leser irgend einen Begriff geben? Dem, der nicht dabei war, nicht, und dem, der dabei war, schon gar nicht! Oder sollen wir uns selbst noch einmal bestätigen, dass es gut, sogar sehr gut gelungen war? Darf ich sagen, dass das nicht möglich gewesen wäre, wenn nicht die drei Verantwortlichen - Grischkat, Metzger, Keller - unter sich und alle zusammen mit dem trefflichen Erwin Russ in geradezu unwahrscheinlicher Harmonie zusammengearbeitet hätten? In weniger als einem Dutzend Sitzungen wurde das Fest zusammengezimmert, das Gerüst aufgeschlagen, und die 26 Räume des Hauses bewohnbar gemacht. Es gab nicht eine einzige Panne und nicht einmal ein nennenswertes Defizit! Die einzige ernsthafte Panne, die drohte, konnte dadurch abgewandt werden, dass ich am Donnerstag, vor dem ersten Kantatenabend, im strömenden Regen vor der Stiftskirche der Lisedore Prätorius, die zufällig gerade daher kam, sagte, sie müsse am Samstagvormittag anstatt der Pariser Cembalistin spielen, was sie noch nicht wusste! Es wurden dann ein paar Weichen umgestellt und der Zug konnte weiterfahren.
natürlich muss ich nun doch auch ein paar Worte über die H-moll-Messe sagen. Lieber Hans, in dieser Aufführung hast Du den Lohn für die Arbeit und Bemühung von Jahrzehnten eingeheimst. Ich habe die Messe in meinem Leben nie so vollendet, so bis ins Letzte durchgearbeitet gehört, so schlackenlos im Klang, auch in allen Solostimmen (und dass die Chöre bis ins Letzte durchstudiert und nicht nur gefeilt, sondern mit andächtigem Ausdruck erfüllt waren, das versteht sich bei Euch und Eurem Dirigenten fast von selbst).
Nun etwas anderes: Es ist schade, dass solche Abende nicht in würdiger und zugleich gelöster Weise ausklingen können. Ich habe immer mit Neid davon gelesen, dass der berühmte Arzt und Freund von Brahms in Wien, Billroth, jeder Erstaufführung eines neuen Werkes von Brahms eine solenne Nachfeier mit sorgsam ausgewählten Gästen folgen liess. Warum bringen wir so etwas nicht fertig? Das können nicht die Veranstalter selbst in die Hand nehmen, denn die haben sich in der Aufführung ganz ausgegeben, aber gibt es niemanden, der zu Grischkat so steht wie Billroth zu Brahms?
Weiter: Unsere musikalischen Rundgespräche haben sehr dazu beigetragen, die Teilnehmer aus beiden Teilen von Deutschland und aus dem Ausland in Kontakt miteinander zu bringen; sie sollten ja ausserdem und hauptsächlich darauf hinweisen, dass jedes Bachfest auch Probleme aufwirft, Probleme, die man wohl nicht lösen kann, aber über die man sich klarer werden kann, wenn sie von verschiedenen Seiten beleuchtet werden.
Nach einem geradezu stürmischen Ansteigen in den letzten hundert Jahren ist die Bachbewegung heute zu einem gewissen Stillstand gekommen, sie hält sich gerade noch auf dem erreichten Höhepunkt, aber wie lange? Wir sind schon dabei, den durchbluteten Körper dieser Musik wissenschaftlich zu sondieren, und das ist immer der Anfang vom Ende, von einem Ende, das vielleicht noch in weiter Ferne liegt. Die Teilnehmer an den Rundgesprächen waren aber in erster Linie nicht philosophisch, sondern weltanschaulich interessiert. Es war auffallend, wie in den Rundgesprächen das Interesse immer wieder weg von den rein fachlichen Fragen auf die Hintergründe der Musik sich richtete, wie z. B. die Frage, was die evangelische Kirche heute von Bach haben könne, immer wieder vordringlich gestellt wurde. Da gibt es zwei Standpunkte und man kann jeden von ihnen vertreten: Der eine Beobachter sieht in Bachs Kompositionen Kunstwerke, an denen die ganze abendländische Menschheit ohne Ansehen der Konfession, ja ohne Ansehen ihrer Stellung zu einer Kirche ihren Anteil hat (das gilt natürlich vor allem für die Instrumentalwerke), die andere, ebenso berechtigte Auffassung will Bachs kirchliche Werke aus der besonderen Haltung der Religiosität ihrer 2eit verstehen, in der Bachs Musik ihre Wurzel hat, wenn sie sich auch über die zeitgebundenen Texte weit hinaushebt. Wer diesen zweiten Standpunkt vertritt, der müsste einem Katholiken, oder einem der Kirche mehr oder weniger entfremdeten Menschen ein wirkliches Verständnis der Bachschen Kantaten rundweg absprechen. Aber dann gibt es die H-moll-Messe, die weder protestantisch-lutherisch, noch katholisch, sondern nur christlich ist. Niemand kann diese Fragen lösen, die Zeit löst sie, indem sie neue aufwirft und die alten in den Hintergrund stellt.
Nun habe ich doch das getan, was ich nicht tun wollte, und Ihr müsst mir das nachsehen, weil auch mich das, was hinter der Musik steht, immer mehr bewegt hat, als die klingende Musik selbst. Eigentlich müsste ich nun noch auf die modernen Werke (Strawinsky, David) eingehen, deren Aufnahme in das Programm so viele Hörer vor den Kopf gestossen hat, die statt dessen viel lieber noch ein paar der bekannten und berühmten Werke von Bach selbst gehört hätten. Diese Werke haben eine gewisse Schockwirkung ausgeübt, - und sie sollten das tun, um uns aus einem zu bequemen Geniessen heraus an die Situation unserer Zeit zu erinnern. Freilich: wie wenig hat man dabei vom ersten Hören, und wie selten hat man Gelegenheit, etwa das bedeutendste dieser Werke, das Requiem von David, noch einmal zu hören! Aber nun will ich schliessen. Das Bachfest war ein Erlebnis, das niemand von uns je vergessen wird, ist das nicht genug? Hermann Keller
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Unsere Singkreise – Rundbrief Nr. 18 - Stuttgart, Mai 1959
Zur Matthäus-Passion
Vor 50 Jahren, am Karfreitag 1929, hat es einer unserer Singkreise zum erstenmal gewagt, die Bachsche Matthäus-Passion aufzuführen. Seit jener Zeit ist dieses Werk immer mehr unser ständiger Begleiter geworden. Anfangs lagen mehrere Jahre dazwischen, bis wir die Passion wieder einmal aufführten: 1935, 1938, 1939, 1942. Doch seit Kriegsende ist kein Jahr vergangen, in dem der Schwäbische Singkreis in der Karwoche nicht "unsere" Matthäus-Passion zu Gehör brachte. Alljährlich finden meistens drei Aufführungen statt, zwei davon in Stuttgart, eine auswärts, meist in Reutlingen, Tübingen oder Sindelfingen. Viele von uns können sich die Karwoche ohne die Passion schon gar nicht mehr vorstellen. Und darum soll zu einem Zeitpunkt, da die diesjährigen Aufführungen noch in lebendiger Erinnerung sind, der grösste Teil unseres heutigen Rundbriefes der Matthäus-Passion gewidmet sein.
Unser Freund Hermann Keller hat uns seinen Rundfunkvortrag über den "Beitrag der Romantik zur Wiedererweckung Bachs" zur Verfügung gestellt. Ausserdem bringen wir von Eduard Devrient aus seinen Erinnerungen an Felix Mendelssohn den ersten Teil, der von der Matthäus-Passion handelt. Devrients köstliche Erinnerungen haben kürzlich meinen Hörern bei den Einführungsvorträgen zur Matthäus-Passion im Rahmen der Stuttgarter Volkshochschule viel Freude gemacht. Ich hoffe, dass auch unsere Leser sie ebenso freudig aufnehmen.
Hans Grischkat
Der Beitrag der Romantik zur Wiedererweckung Bachs Von Hermann Keller
Die romantische Bewegung, die zu Beginn des 19.Jahrhunderts einsetzt, sich rasch ausbreitet und alle Gebiete des deutschen Geisteslebens – Dichtung, Musik, bildende Kunst, aber auch Germanistik und Philosophie – in neue Bahnen lenkt, hat unserm Volk auch das Gefühl für die Grösse seiner nationalen Vergangenheit neu geschenkt. Die Bedeutung der vaterländischen Altertümer, der gotischen Dome, der Burgen des Mittelalters, wurde neu gesehen, die deutschen Sagen und Märchen wurden dem ganzen Volk durch die Gebrüder Grimm neu erschlossen, die alten Volkslieder wurden gesammelt und ihre Melodien aufgeschrieben und man begann, etwas von der Grösse der alten heiligen Kirchenmusik zu ahnen, die zu Ende des 18.Jahrhunderts durch den Rationalismus verwässert, ja fast zugeschüttet worden war.
Auch die Riesengestalt Johann Sebastian Bachs war im Zeitalter einer empfindsamen und leichtgefälligen Kirchenmusik fast ganz vergessen worden; nun ging man daran, ihn wie eine Kolossalstatue auszugraben und freizulegen. So wurde um 1800 das Wohltemperierte Klavier, das zu Bachs Lebzeiten nur in Abschriften bei Schülern und Freunden des Meisters verbreitet war, zum erstenmal gedruckt, und nun erst fing diese Musik an, wirklich zu leben. Das erfuhr Goethe, der sich im Jahr 1818 in dem kleinen Städtchen Berka bei Weimar vom dortigen Organisten Bachsche Präludien und Fugen vorspielen ließ. Er schrieb darüber an seinen Freund Zelter nach Berlin: "Ich sprach mir's aus: als wenn die ewige Harmonie sich mit sich selbst unterhielte, wie sich's etwa in Gottes Busen kurz vor der Weltschöpfung möchte zugetragen haben." Ein paar Jahre später besuchte Zelter Goethe in Weimar und brachte seinen Schüler, einen 11jährigen Knaben mit, ein Wunderkind mit Namen Felix Mendelssohn, dessen geniales Klavierspiel Goethe in helles Entzücken versetzte. Dann wurde Berlin für einige Jahre ein Mittelpunkt der Bach-Pflege: In der reichen, kulturell hochstehenden Familie Mendelssohn wurde viel Bach gespielt, und der alte treffliche Zelter führte mit seiner Singakademie Bachsche Motetten auf, wenn er auch an Bach noch dies und jenes auszusetzen hatte. Ihm ist es zu danken, daß der junge Felix zum Studieren eine Partitur der Matthäuspassion in die Hand bekam; und als der Plan reifte, dieses größte Werk Bachs hundert Jahre nach seiner ersten Aufführung (das war Karfreitag 1729 in der Thomaskirche zu Leipzig) wieder zur Aufführung zu bringen, da war Zelter so großherzig, diese Aufführung seinem jungen Meisterschüler zu übertragen, der inzwischen schon die Ouverture zum Sommernachtstraum komponiert und bewiesen hatte, daß er selbst schon zu den Meistern gezählt werden durfte.
Man weiß, wie ungeheuer der Eindruck dieser ersten Wiederaufführung des Werks seit Bachs Tod war, die am 11. März 1829 in der Berliner Singakademie stattfand. Freilich hätte diese stark gekürzte und frei bearbeitete Aufführung vor der heutigen Kritik kaum standgehalten, aber nun war doch ein weithin sichtbares Zeichen aufgerichtet und die Begeisterung für Bach begann nun immer weitere Kreise zu erfassen.
Es würde zu weit führen, die Namen all der Männer zu nennen, die sich dafür eingesetzt haben. Schon um die Mitte des 19.Jahrhunderts konnte man den Grundstein zu einer monumentalen Gesamtausgabe der Werke Bachs legen, die Ende des Jahrhunderts fertig vorlag. Aber nicht nur Hörer und Spieler wurden in den in den Bann Bachs gezogen, sondern auch die Komponisten, am stärksten Mendelssohn selbst, dessen Oratorien "Paulus" und "Elias" ohne Bach nicht denkbar wären, und der in seinen Orgelsonaten, in seinen Präludien und Fugen für Klavier und in vielen anderen Werken bewundernd zu dem immer höher aufsteigenden und immer heller leuchtenden Gestirn Johann Sebastian Bach aufblickt. Angesichts dessen, was uns Schumann, Mendelssohn und viele andere durch ihre Werke geschenkt haben, denken wir viel zu wenig daran, daß sie sich im steten Kampf gegen den flachen und seichten Stil befanden, der zu jener Zeit die Hausmusik und das Konzert beherrschte. In diesem Kampf waren für sie die Maßstäbe, die ihnen durch die Werke der alten Meister, besonders durch die Werke Bachs, gegeben waren, die wertvollste Hilfe, und mit dieser Waffe haben sie gesiegt. Ein Meister wie Johannes Brahms hat nur durch das beständige Studium der alten Meister seinem Stil immer neue Kraft zugeführt.
Zuerst entdeckte man Bach als eine große Einzelpersönlichkeit, dann entdeckte man sein Zeitalter überhaupt, die großen Meister vor ihm wie Heinrich Schütz und andere. Und wenn heute unendlich vielen Menschen die alte Musik ebensoviel oder sogar noch mehr bedeutet als die alten Meister in der bildenden Kunst, dann wollen wir nicht vergessen, daß es die deutsche Frühromantik war, durch die dieses neue Zeitalter der Musik heraufgeführt wurde, und am Anfang einer Woche, die dem Gedenken Felix Mendelssohns gewidmet ist (am 3.2.1959 der 150. Geburtstag), wollen wir daran denken, daß von den deutschen Romantikern wohl keiner ein größeres Verdienst an dieser Wiedererweckung der Werke Johann Sebastian Bachs gehabt hat als er.
DIE WIEDERBELEBUNG DER MATTHÄUSPASSION. Von Eduard Devrient In seinen "Erinnerungen an Felix Mendelssohn", Leipzig 1869.
Die Geselligkeit des Hauses Mendelssohn gewann außer an den Sonntagsmusiken noch einen weiteren bildenden Ernst. Felix begann im Winter 1827 an einem Abend der Woche, gewöhnlich des Sonnabends, einen kleinen zuverlässigen Chor zu versammeln und seltene Musik zu üben. Bald legte er uns seine verehrte "Matthäuspassion" vor.
Nun ging uns eine neue Welt der Musik auf, als ein Stück nach dem andern uns gründlich klar wurde. - Das kursorische Durchnehmen von Bruchstücken in Zelters Freitagsmusik hatte das nicht bewirken können. Daß das Absingen des Evangeliums von verschiedenen Personen den Kern des Werkes abgab, frappierte uns ungemein, es war ja vergessen, wie alt dieser kirchliche Gebrauch war. Die dramatische Behandlung, welche dadurch entstand, die erschütternde Gewalt der einschlagenden Chöre, vor allem die wunderbare Deklamation der Partie des Jesus, die mir eine neue ehrwürdige Bibelsprache war - dies alles wirkte mit jeder Übung wachsendes Staunen und Verwundern über die Größe dieses Werkes.
Nicht nur Therese (Eduard Devrients Gattin), alle mitsingenden Freunde teilten meine Eindrücke, und Felix hatte sich über Mangel an Eifer nicht zu beklagen. Er nun war in das Werk so eingelebt, beherrschte seine Schwierigkeiten mit so viel Leichtigkeit, und verstand es, seine Beherrschung des Stoffes, seine lebendige Auffassung des Inhaltes so geschickt und bescheiden auf uns zu übertragen, daß uns natürlich und geläufig wurde, was bis dahin als eine rätselhafte musikalische Geheimsprache gegolten hatte... Immer heißer wurde in mir das Verlangen, den Jesus öffentlich zu singen; Immer lebhafter tauschten wir die Wünsche aus, daß es möglich sein möchte, das Wunderwerk zur Aufführung zu bringen. Aber allgemein schreckte man auch zurück vor den unüberwindlichen Schwierigkeiten, welche das Werk an sich - mit Doppelchor und Doppelorchester - dem Studium in den Weg legen würde, und vor denen, welche die Umständlichkeit der Singakademie und die abgeschlossene, unförderliche Haltung Zelters zu bereiten drohten.
Schließlich wurde es sehr in Frage gestellt: ob das Publikum auf ein so weltfremdes Werk eingehen werde? Man hatte wohl in geistlichen Konzerten hie und da ein kurzes Stück von Johann Sebastian Bach der Merkwürdigkeit wegen hingenommen, nur die wenigen Kenner hatten Freude daran gehabt; jetzt aber sollte man einen ganzen Abend nichts als Johann Sebastian Bach hören, der nur als unmelodisch, berechnend, trocken und unverständlich im Publikum bekannt war? Das würde als eine unverschämte Zumutung erscheinen…
Felix' Eltern selbst, die doch gern das Problem einer Aufführung der Passion durch ihren Sohn gelöst gesehen hätten, vermochten nicht, sich diesen Bedenken zu verschließen, Adolf Bernhard Marx äußerte sich zweifelhaft, und die alten Akademistinnen schüttelten die Köpfe. Felix hielt die Aufführung für so unmöglich, daß er auf mein und der mutvolleren Freunde Andringen nur mit Scherz und Ironie antwortete. Er erbot sich, zu einer Aufführung Knarre und Waldteufel (Kinderinstrumente, womit in Berlin der Weihnachtslärm gemacht wird) zu spielen, stellte alle Stadien, welche die Unternehmung zu durchlaufen hätte, im lächerlichsten Lichte dar, und sich selbst zumal, wenn er, ohne das größte amtliche Ansehen, wagen wolle, das musikalische Herkommen in Berlin aus den Angeln zu heben.
So hoffnungslos stand es um die Auferstehung der seit hundert Jahren begrabenen Passionsmusik selbst bei ihren Bewunderern.
Mir ließ die Sache keine Ruhe. Als wir im Januar 1829 eines Abends den ganzen ersten Teil des Werkes gesungen hatten und mit einem überwältigenden Eindruck nach Haus gegangen waren, da kam mir in ruheloser Nacht der Gedanke, auf welchem Wege eine Aufführung durchzusetzen sei. Mit Ungeduld erwartete ich den späten Wintertag. Therese stimmte meinem Plane ermutigend bei, und so machte ich mich zu Felix auf...
Als er erschien, hieß ich ihn an sein Frühstück gehen und eifrig essen, damit er mich nicht zu oft unterbreche. Er ging mit gutem Humor und noch besserem Appetit darauf ein, und ich erklärte ihm nun rund heraus, ich hätte in dieser Nacht beschlossen, die Passion müsse in den nächsten Monaten, noch vor seiner beabsichtigten Reise nach England, in der Singakademie aufgeführt werden. Er lachte. - "Wer dirigiert sie denn?“ "Du!" "Den Teufel auch! Unterstützen will ich die Musik mit -" "Komm mir nicht wieder mit deinem Waldteufel! Die Sache ist jetzt außer allem Spaß und gründlich überlegt." "Potz Wetter, du wirst feierlich! Nun, laß einmal hören!"
Nun stellte ich ihm die Folgerung auf: wir hätten die "Matthäuspassion" als das größte und wichtigste deutsche Musikwerk erkannt; folglich dürften wir auch nicht ruhen, bis dasselbe wieder zu lebendiger Wirkung gekommen sei und wieder die Gemüter erbaue. Da mir Felix diese Aufstellungen nicht hatte widerlegen können, so durfte ich die Summe ziehen: "Die Aufführung kann zur Zeit niemand als du mit überzeugendem Erfolge unternehmen, folglich mußt du es tun!" "Wenn ich's durchsetzen könnte, ja!"
Nun eröffnete ich ihm, daß, wenn er selbst die Veranstaltung wirklich nicht durchzusetzen vermöge, ich mir Folgendes ausgedacht: Es sei ihm bekannt, daß die Singakademie sowohl als Zelter selbst sich mir für meine beinahe zehnjährige Mitwirkung bei allen ihren Konzerten verpflichtet erachteten; ich würde also einen Gegendienst von beiden verlangen dürfen, und der sollte die Überlassung des Saales und die Erlaubnis und Befürwortung einer Einladung der Singakademie zur Mitwirkung bei der Passionsaufführung sein.
Felix vermochte nicht zu leugnen, daß man mir beides nicht verweigern werde. Ich setzte ihm also weiter auseinander, daß, wenn er meine Genossenschaft nicht verschmähen und als dirigierender Mitunternehmer auftreten wolle, auch der musikalische Kredit des Unternehmens gesichert sei, und wenn wir schließlich dessen Geldgewinn für irgendeinen wohltätigen Zweck bestimmten, so würde die Sache nach allen Seiten hin gedeckt sein. So schloß ich denn: "Ich biete dir also hiermit dies anständige Compagniegeschäft, übernehme dabei alle geschäftlichen Besorgungen und singe den Jesus, du aber dirigierst das vergessene Wunderwerk wieder in die offene Welt hinaus!"
Felix war gedankenvoll, dann sagte er: "Was mir an deinem Vorschlage gefällt, ist, daß wir die Sache miteinander machen sollen, das ist hübsch. Aber glaube mir, wir werden zunächst an Zelters Widerspruch scheitern. Er hält die Aufführung der Passion für unmöglich, weil er und andere sie bisher nicht unternehmen mochten."
Ich setzte bessere Hoffnung auf Zelters tüchtige Natur und auf die starke Gemütsseite seines bärbeißigen Charakters; für den schlimmsten Fall aber war ich entschlossen, selbst gegen Zelters Widerspruch die Sache bei der Vorsteherschaft der Singakademie anzubringen und ihn zur Nachgiebigkeit zu nötigen. Gegen solche extreme Schritte hatte Felix die stärkste Abneigung; er hielt sie für pietätswidrig. Ich überredete ihn, daß sie nicht nötig sein würden. Und so willigte er nach langem Hin- und Herdebattieren ein, sich dem Unternehmen nicht zu entziehen.
Die Eltern und Fanny (Mendelssohns ältere Schwester) stimmten meinem Plane bei, den sie als den einzigen erfolgsverheißenden ansahen. Es mußte sie freuen, wenn Felix vor seinem Ausfluge in die Welt noch eine große und denkwürdige Aufgabe löste. Der Vater hegte zwar noch Besorgnis vor Zelters Widerstand, ich aber war guten Mutes.
Felix, nun mit der Sache sehr beschäftigt, dachte sich noch ein kluges Verfahren aus, um sich und das Unternehmen nicht zu kompromittieren: Die Chorübungen sollten mit der etwas vermehrten Mitgliederzahl des häuslichen Kreises im kleinen Akademiesaale ohne angekündigten weiteren Zweck fortgesetzt werden; dieser Chor sollte sich aus Mitgliedern der Singakademie nach Lust und Neigung, auch Neugier, allmählich vermehren; dadurch gewönne er einen sicheren Kern und vermöge - wenn alles gut gehe - die Masse mit sich zu ziehen. Für den Fall aber, daß das Studium keinen Erfolg verspreche oder andere Hinderungen sich fänden, könne die Sache aufgegeben werden, bevor die Absicht einer Aufführung ausgesprochen worden sei.
So vorbereitet rückten wir dem alten Zelter aufs Zimmer, im Erdgeschoß der Singakademie. Vor der Tür sagte Felix mir noch: "Du, wenn er aber grob wird, geh ich fort; ich darf mich mit ihm nicht kabbeln." - "Grob wird er ganz gewiß", antwortete ich, "aber das Kabbeln übernehme ich."
Wir klopften an. Die rauhe Stimme des Meisters rief uns laut hinein. Wir trafen den alten Riesen im dichten Tabaksqualm, mit der langen Pfeife im Munde, an seinem alten Flügel, mit doppelter Klaviatur, sitzend. Die Schwanenfeder, mit der er zu schreiben pflegte, hatte er in der Hand, ein Notenblatt vor sich. Er trug seine sandfarbene kurze Pikesche, Unterbeinkleider, die, unterm Knie gebunden, noch auf kurze Hosen berechnet waren, derbe wollene Strümpfe und gestickte Schuhe. Den Kopf, mit den zurückgestrichenen weißen Haaren, hatte er gehoben; das Gesicht mit seinen derben, bürgerlichen und doch bedeutenden Zügen hatte er nach der Tür uns zugewendet, und als er uns durch seine Brille erkannt hatte, rief er freundlich in seiner breiten Weise: "I, sieh da! schon so früh zwei so schöne junge Leute! Nun, was verschafft mir die Ehre? Hier, Platz genommen!"
Er führte uns zu einem Winkel des Zimmers, wo er auf einem schlichten Sofa niedersaß; wir holten uns Stühle,
Nun begann ich meinen wohlüberlegten Vortrag von der Bewunderung des Bachschen Werkes, das wir in seinen Preitagsmusiken zuerst kennengelernt und dann im Mendelssohnschen Hause weiter studiert hätten, und daß wir jetzt der dringenden inneren und äußeren Aufforderung nachgeben möchten, einen Versuch zu machen, das Meisterwerk der Öffentlichkeit zurückzugeben und - wenn er es erlauben und unterstützen wolle - mit Hilfe der Singakademie eine Aufführung zu veranstalten.
"Ja", sagte er gedehnt und reckte dabei das Kinn in die Höhe, wie er zu tun pflegte, wenn er etwas mit großem Nachdruck besprach, "wenn das so zu machen wäre! Dazu gehört mehr, als wir heutzutage zu bieten haben!" - Nun verbreitete er sich über die Forderungen und Schwierigkeiten des Werkes, daß man für diese Chore eine Thomasschule brauche, und eine, wie sie damals beschaffen gewesen, als Johann Sebastian Bach ihr Kantor war; daß auch ein Doppelorchester notwendig sei, und, daß die Violinspieler von heutzutage diese Musik gar nicht mehr zu traktieren verständen. Das alles sei schon lange und vielfach bedacht, und wenn sich die Schwierigkeiten so bald hätten aus dem Wege räumen lassen, so wären schon längst alle vier Passionsmusiken von Bach aufgeführt.
Er war warm geworden, stand auf, legte die Pfeife weg und schritt durchs Zimmer. Felix zupfte mich am Rock, er gab die Sache schon verloren.
Ich erwiderte nun, daß wir, namentlich Felix, diese Schwierigkeiten sehr hoch anschlügen, daß wir aber den Mut hätten, sie nicht für unüberwindlich zu halten. Die Singakademie sei durch ihn schon mit Johann Sebastian Bach bekannt, er habe den Chor so vortrefflich geschult, daß derselbe jeder Schwierigkeit gewachsen sei; Felix habe auch durch ihn das Werk kennengelernt, verdanke ihm auch die Anweisungen für seine Direktion; ich brenne vor Verlangen, die Partie des Jesus öffentlich vorzutragen; wir dürften hoffen, daß derselbe Enthusiasmus, welcher uns bewegte, bald alle Mitwirkenden ergreifen und das Unternehmen gelingen lassen werde.
Zelter war immer ärgerlicher geworden. Er hatte hie und da Äußerungen des Zweifels und der Geringschätzung eingeworfen, bei denen Felix mich wieder am Rock gezupft, dann sich allmählich der Tür genähert hatte. Jetzt platzte der alte Herr los: "Das soll man nun geduldig anhören! Haben sich's ganz andere Leute müssen vergehen lassen, diese Arbeit zu unternehmen, und da kommt nun so ein Paar Rotznasen daher, denen alles das Kinderspiel ist!"
Diesen Berliner Kernschuß hatte er mit äußerster Energie abgefeuert. Ich hatte Mühe, das Lachen zu verbeißen; hatte Zelter doch einen Freibrief für alle Grobheit, und für Christi Passion von Johann Sebastian Bach und von unserem alten Lehrer konnten wir uns wohl noch mehr gefallen lassen.
Ich sah mich nach Felix um. Der stand an der Tür, den Griff in der Hand und winkte mir mit etwas blassem und verletztem Gesicht zu, daß wir gehen sollten. Ich bedeutete ihm, daß wir bleiben müßten, und fing getrost wieder an zu argumentieren: daß, wenn wir auch jung, wir doch wohl nicht mehr so ganz unreif wären, da unser Meister uns doch schon manche schwierige Aufgabe zugemutet habe; daß gerade der Jugend der Unternehmungsmut zustehe, und zuletzt müsse es doch wohltuend für ihn sein, wenn gerade zwei seiner Schüler sich an dem Höchsten versuchten, das er sie kennen gelehrt.
Meine Argumente begannen jetzt sichtlich zu wirken, die Krisis war überstanden. Wir wollten nur den Versuch machen, fuhr ich fort, ob das Unternehmen sich durchsetzen lasse, dies nur möge er erlauben und unterstützen; gelänge es nicht, so könnten wir immer noch, und ohne Schande, davon ablassen.
"Wie wollt ihr denn das machen?" sagte er stehen bleibend, "ihr denkt an nichts. Da ist zuerst die Vorsteherschaft, die konsentieren muß; da sind gar viele Köpfe und viele Sinne - und Weiberköpfe sind auch dabei; ja! - die bringt ihr nicht so leicht unter einen Hut!"
Ich entgegnete ihm: die Vorsteher seien mir freundlich gesinnt, die tonangebenden Vorsteherinnen, als Mitsingende bei den Übungen im Mendelssohnschen Hause, schon gewonnen. Ich hoffte die Bewilligung des Saales und der Mitwirkung der Mitglieder wohl zu erlangen,
"Ja, die Mitglieder!" rief Zelter, "da fängt der Jammer erst an. Heute kommen ihrer zehn zur Probe und morgen bleiben zwanzig davon weg, ja!"
Wir konnten von Herzen über diesen Witz lachen, denn er zeigte uns, daß unsere Partie gewonnen war. Felix setzte dem alten Herrn nun seinen Plan mit den Vorübungen im kleinen Saale auseinander, sprach ihm von der Zusammensetzung des Orchesters, das Eduard Rietz führen sollte, und da Zelter schließlich keine praktischen Bedenken mehr vorbringen konnte, so sagte er: "Na, ich will euch nicht entgegen sein - auch zum Guten sprechen, wo es Not tut. Geht denn in Gottes Namen daran, wir werden ja sehen, was draus wird!"
So schieden wir dankbar und als gute Freunde von unserem alten, wackeren Bären. "Wir sind durch!" sagte ich auf der Hausflur. - "Aber höre", erwiderte Felix, "du bist eigentlich ein verfluchter Kerl, ein Erzjesuit!" - "Alles zur höheren Ehre Gottes und Johann Sebastian Bachs", entgegnete ich, und wir jubelten draußen in die Winterluft hinaus, da nun der wichtigste Schritt gelungen war.
(Unsere Singkreise – Rundbrief Nr. 19 - Stuttgart, im September 1959) DIE WIEDERBELEBUNG DER MATTHÄUSPASSION. Von Eduard Devrient In seinen "Erinnerungen an Felix Mendelssohn", Leipzig 1869. (Fortsetzung und Schluss)
Alles andere machte sich nun leicht. Die Schwierigkeiten verschwanden wie Gespenster, denen man zu Leibe rückt. Die Vorsteherschaft willigte unbedenklich in alle unsere Wünsche; die erste Chorübung im kleinen Saale hatte schon doppelt so viele Teilnehmer als im Mendelssohn'schen Hause, und sie wuchsen von einer Uebung zur andern dergestalt, dass der Kopist nicht hinlänglich Stimmen schaffen konnte, und wir auch schon nach der fünften Uebung in den grossen Saal gehen mussten. Man darf hierbei nicht vergessen, dass die grosse Zahl der Akademiemitglieder, welche, gelockt von dem merkwürdigen Unternehmen, zu diesen ersten Uebungen kamen, nach Zelters Voraussage alle nicht wiedergekommen wären, wenn es nicht gelang, sie gleich bei der ersten Zusammenkunft zu gewinnen und zu fesseln.
Darum nahm Felix sofort - und wiederholte das in den ersten Vorübungen - nicht vereinzelte Stücke, etwa die leichten zuerst, sondern eine bestimmte Gruppe der Komposition zum Studienobjekte, übte die Chöre sogleich mit unerbittlicher Genauigkeit bis zu ihrem vollen Ausdruck und gab dadurch den Singenden einen ganz vollständigen Eindruck von der Besonderheit des Werkes. Seine Erklärungen und Anweisungen waren präzis, kurz und ebenso übergewichtig als jugendlich bescheiden vorgebracht.
Mehrere Male sassen wir indessen beide beisammen, die Abkürzung der Partitur für die Aufführung zu überlegen. Es konnte nicht darauf ankommen, das Werk, das doch auch durch den Geschmack seiner Zeit vielfach beeinflusst war, in seiner Vollständigkeit vorzuführen, sondern den Eindruck seiner Vorzüglichkeit zusammenzuhalten. Die Mehrzahl der Arien musste weggelassen, von anderen konnten nur die Einleitungen, die sogenannten Accompagnements, erhalten werden; auch vom Evangelium musste fortbleiben, was nicht zur Passionserzählung gehört, oft genug waren wir zwiespältiger Ansicht, denn es galt eine Gewissensaufgabe; aber was wir schliesslich festgestellt, scheint doch das Rechte gewesen zu sein, da es späterhin bei den meisten Aufführungen angenommen worden ist.
Es wurde nun Zeit, die Solosänger einzuladen. Wir beschlossen, vereint die Runde zu machen, und Felix war kindisch genug, zu verlangen, dass wir dazu ganz gleich gekleidet sein sollten. Blauer Rock, weisse Weste, schwarzes Halstuch, schwarze Pantalons, und dazu hellgelbe Handschuhe von Wildleder, die damals gebräuchlich waren. In dieser Passionsuniform gingen wir denn - nachdem uns Therese, der die Sache sehr feierlich war, eine Festschokolade gegeben, die Felix liebte - sehr vergnügt unseres Weges. Wir besprachen den wunderlichen Zufall, dass gerade hundert Jahre seit der letzten Leipziger Aufführung vergangen sein mussten, bis diese Passion wieder ans Licht komme.- "Und", rief Felix übermütig, mitten auf dem Opernplatze stehen bleibend, "dass es gerade ein Komödiant und ein Judenjunge sein müssen, die den Leuten die grösste christliche Musik wiederbringen!"
Felix vermied sonst entschieden, seiner Abstammung zu gedenken; hier riss ihn das Frappante der Bemerkung und die fröhliche Stimmung hin. "Du führst das Wort und ich mache nur die Reverenzen dazu", sagte Felix vor der ersten Tür, wo wir ansprachen. Wir hatten beides wenig nötig, die vier ersten Talente unserer Oper waren zur Mitwirkung ganz bereit. Ihr Hinzutreten zu den Proben, die Vollendung, die das Werk nun gewann, gab den Studien neues Interesse. Musiker und Kenner drängten sich zu den Proben, um die Komposition genauer verstehen zu lernen. Man staunte, nicht sowohl über die Grossartigkeit des Baues, sondern mehr über die Fülle der Melodien, über den reichen Ausdruck der Empfindung, der Leidenschaft, über die eigentümliche Deklamation und über die Wucht der dramatischen Wirkungen. Von alledem hatte man ja dem alten Bach nichts zugetraut.
Aber was Felix getan hat, diese Eigenschaften des Werkes ans Licht zu kehren, seinen Wunderbau in seiner ganzen Pracht erkennen zu lassen, das ist ebenso denkwürdig, wie die ganze folgenreiche Unternehmung. Die Genialität der Auffassung, mit der er sich des Werkes bemächtigt und es zum heiligsten Eigentum gemacht hatte, das war nur die Hälfte seines Verdienstes. Mit welcher Geschicklichkeit, Energie, Ausdauer und kluger Berechnung seiner Mittel er das antiquierte Werk wieder modern, anschaulich und lebendig gemacht hat, das muss man miterlebt haben, um den zwanzigjährigen Jünglich danach in der Bedeutung seiner Fähigkeiten und ihrer frühen Reife zu schätzen. Er hat in seinem ganzen Leben kein grösseres Meisterstück der Direktion geliefert, als dieses erste und vielleicht schwierigste.
Die grossen Proben waren durch Zelters autoritätsverleihende Gegenwart gehoben, aber solange das Orchester nicht dabei war, hatte Felix mit der ganzen Arbeit der Direktion und der Flügelbegleitung fertig zu werden, was bei den so vielfach rasch einschlagenden Chorsätzen von verschiedenen Rhythmen überaus schwierig war; wobei denn das Kunststück durchgeführt werden musste, mit der linken Hand die ganze Begleitung zu erzwingen, während die rechte den Taktstock schwang.
Als das Orchester hinzutrat, liess Felix - weil das damalige Konzertdekorum dem Dirigenten noch nicht erlaubte, die Rückenstellung gegen das Publikum einzunehmen, die ihm im Opernorchester immer erlaubt war - den Flügel in die Quere, zwischen die beiden Chore, stellen, wodurch er freilich den ersten Chor im Rücken hatte, aber doch den zweiten und das Orchester im Auge. Dieses bestand grösstenteils aus Dilettanten des philharmonischen Vereins, nur die Führer der Streichinstrumente und die Bläser gehörten der königlichen Kapelle an. Die letzteren waren auf der Höhe der amphitheatralischen Aufstellung durch die drei geöffneten Türen bis in den kleinen Saal hinausgerückt. Eduard Rietz war der Anker, der dieser schwankenden Körperschaft festen Grund verlieh.
Diese schwierige Situation beherrschte der Neuling Felix mit einer Ruhe und Sicherheit, als ob er schon zehn Musikfeste dirigiert hätte. Die feine und anspruchslose Weise, in welcher er durch Miene, Kopf- und Handbewegung an die verabredeten Schattierungen des Vortrags erinnerte und ihn so mit leiser Gewalt beherrschte; die gelassene Sicherheit, mit welcher er bei Generalprobe und Aufführung, sobald grosse Stücke von gleichmässiger Bewegung ganz im Zuge waren, kaum merklich nickend, als wollte er sagen: "Nun geht es gut und ohne mich!", den Taktstock sinken liess und mit der verklärten Miene zuhörte, die ihn beim Musizieren seltsam verschönte, gelegentlich mir mit den Augen zuwinkend, bis er wieder vorausempfand, dass es nötig sei, den Taktstock zu gebrauchen - alles das war ebenso bewunderungs- wie liebenswürdig.
Wir hatten oft über musikalische Direktion disputiert. Mich störte - und stört mich heute noch - das unausgesetzte, notwendig mechanisch werdende Taktieren der Dirigenten. Die Musikstücke werden damit förmlich durchgefuchtelt. Ich hielt es immer für angemessen, nur da zu taktieren, wo schwierige Stellen oder zu fürchtende Schwankungen der Ausführung es nötig machten. Die Aufgabe aller Direktion ist doch wohl: sich möglichst vergessen zu machen. Felix nahm sich vor, mir zu zeigen, wie weit man darin gehen dürfe, und er zeigte es bei der Passionsaufführung in der vollendetsten Weise.
Ich erinnere mich dessen mit um so mehr Befriedigung, als man in neuerer Zeit das merkwürdige Hantieren des Dirigenten zu einem Hauptreiz von Musikaufführungen gemacht hat.
Zu dem bahnbrechenden Einfluss, den Johann Sebastian Bach auf die Musik der Neuzeit durch die "Matthäuspassion" gewinnen sollte, gehörte es allerdings, dass die erste Wiederaufführung so vollkommen gelang, als dieses am 11. März 1829 geschah; sie ist um dessentwillen denkwürdig. Die Singakademie leistete mit diesen Chören das Trefflichste, was sie je vermocht hatte, und wer den Stimmklang dieser drei- bis vierhundert hochgebildeten Dilettanten gehört hat, wer es erfahren hat, zu welch wirklich andächtigem Eifer bedeutende Musik sie hinreissen konnte, der wird begreifen, dass hier unter vollendeter Führung das Vollendete geleistet wurde.
Stürmer sang den Evangelisten mit der wohltuendsten Korrektheit, ganz im Tone des Erzählers, ohne sich im Empfindungsausdruck des zweiten Teils den unmittelbar redenden dramatischen Gestalten gleichzustellen. Auch die Arie "Ich will bei meinem Jesu wachen" hatte er übernommen, da sie zu hoch für Bader lag, der in seiner anspruchslosen Willigkeit, mitzuhelfen, den Petrus und den Pilatus sang. Die Damen brachten ihre rührenden Stücke zur voller Wirkung: die gewinnende Stimme der Milder, zumal das Accompagnato "Du lieber Heiland du", der vollquellende Ton des Fräuleins von Schätzel die Arie "Erbarme Dich mein Gott!", von Eduard Rietz mit seinem grossen vollen Ton im stilvollen Ausdruck begleitet, ein Bussgesang ohnegleichen.
Ich meines Teils war mir bewusst, dass der Eindruck, den der Vortrag des Jesus hervorbringt, wesentlich über den Eindruck des ganzen Werkes entscheidet. Mir galt es als die grösste Aufgabe, die einem Sänger werden kann. Mich beruhigte, dass die Partie gut in meiner Stimme lag, dass ich sie lange mit Felix und zu seiner vollen Befriedigung studiert hatte, und so konnte ich, getragen von dem Total der Aufführung, aus voller Seele singen, und fühlte, dass die andächtigen Schauer, die mich bei den eindringlichsten Stellen durchrieselten, auch durch die totenstillen Zuhörer wehten.
Nie habe ich eine heiligere Weihe auf einer Versammlung ruhen gefühlt, als an diesem Abend auf Musizierenden und Zuhörern.
Der Vorgang machte zunächst in dem Bildungskreise Berlins eine ganz ausserordentliche Sensation. Man fühlte die epochemachende Konsequenz dieses Wiederauflebens der populären Wirkung eines halb vergessenen Genies. Wir mussten eine zweite Aufführung am 21. März veranstalten, die überfüllt war, wie die erste. Die beiden Einnahmen dienten zur Stiftung zweier Nähschulen für arme Mädchen. – Zelter wiederholte sie, nach Felix’ Abreise, am Karfreitag, den 17. April, anstatt des gewohnten "Tod Jesu" von Graun.
Wie der Eindruck dieser Aufführungen bald ähnliche in anderen Städten hervorgerufen, wie man sich an anderen Passionsmusiken von Bach, besonders an der nach dem Evangelisten Johannes versucht, dann die Aufmerksamkeit auf die Instrumentalmusik der alten Meister gewendet, sie herausgegeben, zu Konzert-Bravourstücken gemacht usw., das alles ist der heutigen Musikwelt bekannt. Sie sollte aber nie vergessen, dass dieser neue Bach-Kultus vom 11. März 1829 datiert, und dass Felix Mendelssohn es war, welcher den grössten und tiefsinnigsten Komponisten wieder in lebendige Wirkung gesetzt hat.
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Unsere Singkreise – Rundbrief Nr. 22 – Kemnat, Anfang Dezember 1960
Am 20. November feierte Hermann Keller seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag, aus diesem Anlass brachte der Süddeutsche Rundfunk ein Gespräch zwischen Prof. Keller und Prof. Grischkat, das wir hier etwas gekürzt wiedergeben:
HG: Lieber Hermann Keller, es kommt mir schon etwas merkwürdig vor, dass ich Dir in diesem Jahr so vor aller Oeffentlichkeit meine Glückwünsche überbringen soll. Aber der 75. Geburtstag ist ja wohl auch etwas besonderes. Und darum mache ich mich, der ich nun seit über 35 Jahren ein gut Stück Wegs mit Dir gegangen bin, gern zum Sprachrohr all Deiner Freunde.
HK: Ja, lieber Hans, wir sind alte Knaben geworden, ich wenigstens. Aber wollen wir beide wehmütig unserer vergangenen Jugend nachtrauern? Um sechs Uhr abends scheint die Sonne so warm wie um 9 Uhr morgens, nur von der andern Seite.
HG: Ja, uns beiden ist ein erfülltes Leben geschenkt worden. Und dabei sind wir doch beide, glaube ich, erst auf Umwegen zur Musik gekommen.
HK: Es gibt ein Sprichwort: "Der kommt nicht weit, der gleich zu Anfang weiss, wohin er geht." Ich habe es lange nicht gewusst. Erst sollte ich Architekt werden. Ich sollte, ich wollte nicht. Dann wurde ich Schüler von Max Reger, habe aber bald das Komponieren wieder aufgegeben, ohne dass die Welt viel verloren hätte. Na, und dann wurde ich Kirchenmusiker und Organist, erst 5 Jahre in Weimar, dann an meiner geliebten Markuskirche in Stuttgart fast 30 Jahre lang. Aber dann kam doch immer mehr die Lehr- und Vortragstätigkeit dazu an der Hochschule für Musik, an der Technischen Hochschule, an Volkshochschulen, und nicht zuletzt meine Arbeit an Büchern und Noten-Ausgaben.
HG: Wo siehst Du aber nun eigentlich den Schwerpunkt Deiner so weit verzweigten Arbeit?
HK: Das kann ich nicht sagen. Ich fühle mich ganz einfach als Musiker, d.h. als ein Mensch, der in der Musik lebt und ohne sie nicht bestehen könnte. Und welcher Reichtum von Musik steht uns heute zur Verfügung gegenüber der Zeit vor 50 Jahren! Heute feiern wir Schützfeste, damals gab es viele Musiker, die noch nicht einmal den Namen Schütz kannten.
HG: Und in dem Reichtum dieser Arbeit haben wir uns gefunden. Vielleicht darf man doch auch an die Anfänge erinnern, denn die damals geknüpften Fäden führen in gerader Linie bis heute weiter. Wie stolz war ich doch damals, es mag 1929 gewesen sein, dass ich Hermann Keller als Organisten für meine erste Aufführung der Matthäus-Passion in Reutlingen gewinnen konnte. Und ein Jahr später, am Palmsonntag 1930, durfte ich zum ersten Mal Bach-Kantaten in einer Deiner Abendmusiken in der Markuskirche musizieren.
HK: Natürlich stand die Pflege der Werke Bachs damals im Vordergrund. Du weisst doch noch, wie wir den Württ. Bachverein gerettet haben? Da war 1934 ein riesiges Defizit entstanden, weil am selben Abend, an dem der Bach-Verein ein Konzert mit dem Berliner Dom-Chor in der Stiftskirche gab, ein nazistischer Reichsbischof in der überfüllten Stadthalle sprach. Aber wir veranstalteten ein Stuttgarter Bach-Fest, der Verein war gerettet und konnte noch jahrelang seiner Arbeit nachgehen.
HG: Du hast Dich für Bach nicht nur durch Dein Spiel, sondern auch durch Vorträge und Vorlesungen eingesetzt. HK: Ja, ich habe diesen Teil meiner Arbeit immer wichtig genommen. Es muss zwischen einer flachen, populären Einführung und einer rein fachlichen „Professoren schreiben für Professoren“ noch einen Mittelweg geben. Ich habe ihn gesucht. Ich finde, dass er zu selten beschritten wird. Es tut mir leid, dass die Musikwissenschaft sich heute so sehr verkapselt und von der Praxis abschliesst.
HG und HK: Aber gerade wir beide verdanken ihr doch eigentlich sehr viel. Wenn ich an Deine Urtext-Ausgaben u.a. denke… Oder ich um Deine Bemühungen um die textgetreue Aufführung der Bachschen Passionen... Und ich an Deine Arbeiten über Phrasierungen und Artikulation.
HK: Die Musikwissenschaft war uns beiden aber doch immer nur eine Hilfswissenschaft, die der Kunst zu dienen hat.
HG: Eine Hochschule für Musik wird da immer einen anderen Standpunkt einnehmen müssen als eine Universität. Und Du hast doch immer mehr den Schwerpunkt Deiner Arbeit dorthin, auf die Musikhochschule verlegt.
HK: Ich gestehe, nach der Markuskirche war mir die Stuttgarter Musikhochschule für Jahrzehnte eine zweite Heimat, und ich habe gern unterrichtet.
HG : Auch einmal mich. HK: Ja. aber ich weiss nicht, ob ich immer ein guter Lehrer gewesen bin. Es lag mir daran, den Schüler zur selbständigen Arbeit zu führen, ihm Anregungen zu geben. Was der junge Mensch aber braucht, ist eine unbarmherzig strenge Schule, umso strenger, je begabter er ist. Auch in Vorlesungen wollte ich meinen Hörern immer das sagen, was nicht in Büchern steht. Aber für die Prüfung müssen sie es eben wissen. Ein ewiges Dilemma.
HG: Aber auch ein sehr fruchtbares, meine ich. Als Du nach Kriegsende Direktor der Hochschule wurdest, hast Du Dich doch immer bemüht, Studienordnungen, Prüfungsordnungen usw.. von allem toten Ballast zu befreien.
HK: Diese Aufbaujahre waren wirklich schöne Jahre. Aus Trümmern und aus Schutt wieder etwas gestalten zu dürfen! Es gab ja eine Zeit, da eine elektrische Glühbirne einen unersetzlichen Wert vorstellte; man hat diese Zeit nur zu bald vergessen.
HG: Damals hast Du mich ja auch als Chorleiter an die Hochschule geholt. Erinnerst Du Dich an die erste Aufführung des Te Deums von Bruckner im September 1946 in der Markuskirche?
HK: Ja, es war damals inmitten aller Zerstörungen ein unbeschreibliches Erlebnis. Das haben alle gespürt. Nun wussten wir, dass es wieder aufwärts gehen würde.
HG: Und dann die Wochen für Neue Musik, die Du eingerichtet hattest, mit ihren erregten und erregenden Diskussionen. Heute nimmt man alles viel eher hin, man diskutiert weniger.
HK: Gerade weil ich als konservativ gelte, habe ich diese Wochen ins Leben gerufen.
HG: Aber bist Du wohl nicht doch etwas konservativ?
HK: In meiner Jugend als Reger-Schüler war ichs nicht, aber der Umgang mit alter Musik macht doch, dass man von der neuen nicht alles unbesehen annimmt. Du wirst ähnlich denken und hast doch viel Orff, Strawinsky und Pepping aufgeführt.
HG: Und Distler, unseren gemeinsamen Freund, den wir doch nicht vergessen wollen.
HK: Er war herrlich in seiner Unbedingtheit, manchmal wie ein ungebärdiger Junge.
HG: Ja, ich erinnere mich auch an vieles. Sag einmal, hat es Dir nicht leid getan, dass Du mit Deiner Hochschule nicht mehr in das neue schöne Haus einziehen kenntest?
HK: Nein. Nun ist sine neue Zeit angebrochen. Ich freue mich über die hohen und immer noch wachsenden Leistungen der Hochschüler, aber nun geniesse ich meine Freiheit.
HG: Den "sogenannten" Ruhestand
HK: Nun kommt man endlich zum Arbeiten. Man soll ja nicht über ungelegte Eier reden, aber die neue Urtextausgabe des 2. Teils des Wohltemperierten Klaviers, die ich nach dem allzufrühen Tod unseres Freundes Alfred Kreutz übernommen habe, ist nun fertig für den Verlag.
HG: Also ganz frei von Aemtern bist Du ja auch jetzt nicht.
HK: Nein. Der Vorsitz des Tonkünstlerverbandes und in der Jugendmusikschule hält einen ja immer in Kontakt mit dem lebendigen Musikleben.
HG: Und Deine Rundfunksendungen?
HK: Dass ich bei der Gesamtaufführung des Klavierwerks von Bach im Süddeutschen Rundfunk die Einführungen sprechen darf, betrachte ich als eine Ehre. Es ist schön, alle 14 Tage zu einer erlesenen sichtbaren Hörerschaft und zu einer viel grösseren unsichtbaren sprechen zu dürfen.
HG: Ist es nicht eigentlich schade, dass Du die Orgel, Dein altes Hauptinstrument, jetzt ganz aufgegeben hast?
HK: Nein, das ist in der Ordnung. Es gibt eine junge Generation vortrefflicher Organisten, die das alles viel besser machen, als ich es heute machen würde. Ich bin stolz auf Schüler wie Herbert Liedecke und Eva Hölderlin.
HG: Und sie sind Dir dankbar, wie Dir auch all die Menschen dankbar sind, denen Du mit Deinem Grundsatz "aus der Praxis für die Praxis" zu schreiben, den Zugang zur Musik erleichtert und geebnet hast.
HK: Diese Dankbarkeit bewegt mich und beschämt mich. Je älter ich werde, desto schmerzlicher empfinde ich es, dass ich hätte vieles besser machen können, wenn, ja wenn ich damals schon das gewusst hätte, was ich heute weiss.
HG: Aber geht das nicht jedem so?
HK: Vielleicht, aber ich empfinde das "Unzulängliche, das Ereignis wurde" mit jedem Jahr stärker.
HG: Wir wollen aber nun hier kein Fachgespräch führen. Vergessen wir doch den eigentlichen Anlass nicht, Deinen 75. Geburtstag, an dem die vielen Menschen, die Dir in Deinem Leben begegnet sind, Deiner in Dankbarkeit und mit allen guten Wünschen gedenken.
HK: Auch ich bin ihnen dankbar, wie ich denn überhaupt Grund habe, für so vieles dankbar zu sein. Ich grüsse alle die, mit denen ich mich durch das Medium der Musik verbunden fühle, herzlich in dieser Stunde.
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