Eberhard Weismann
Fragst du bei Künstlern, Philosophen, bei klugen Menschen oder doofen, bei Kaffern, Indern, Schlitzchinesen: Was ist der Mensch? Was ist sein Wesen? – so sprechen alle mit Begier: Der Mensch isi ein geplagtes Tier. Die Probe auf solch harten Spruch findst du beileib in keinem Buch, die Probe darauf lautet so: Du gehst bei Keller ins L.O. Erst trittst mit Bangen und mit Mores du ans Gehäuse des Motores und drückst den Hebel langsam, bebend damit mit Atem schnell belebend bald zart und sanft, bald mit Gebrülle die Luft den Bauch der Pfeifen fülle.
Drauf nimmst du, allen Wissens blank, Platz auf der Orgel langer Bank Und harrst - im Mund Geschmack des Mehles – von deinem Lehrer des Befehles.
Er spricht, nach dem es ihm beliebt: Herr W., was haben Sie geübt?" Du sagst darauf, von Scham entglommen, du seiest nicht recht dran gekommen.
Auf solches Fehlen jeder Ahnung folgt eine ernstliche Vermahnung, wie wichtig und wie unerlässlich, elementar und unermesslich bedeutsam das L.O. doch sei, und wie es deshalb nahebei als schwerste Sünde sei zu zählen, wer es am Fleiß hier lasse fehlen.
„Und nun ans Werk! Choral in Achteln!" Drauf fängst du mühsam an zu spachteln, um - gleichend Bach und andern Meistern – die Zwischenräume zu verkleistern, die zwischen des Chorals Akkorden sich bieten dar als offne Pforten.
Mit langen Pausen und Gestotter, durchbrochen von dem Rufe: „Flotter!", bald heiß, bald kalt im Rücken fühlend, bald Falsches treffend - richtig zielend - nach Schöpferqualen fürchterlichen kommst du am Ziele angeschlichen.
Doch meine nicht, für solche Mühen werde dir nun Erholung blühen! Schon steht mit neuer List geladen der Maestro vor dem Kandidaten und fordert von dir harten Ohres den Cantus firmus des Tenores.
O weh und ach! Es rinnt der Schweiß! Der bisher unterlassne Fleiß fängt nun in Ängsten an zu kochen, es klappern laut dazu die Knochen.
Wohin? - Wohin? - Die Melodieen, bald aufwärts in Oktaven fliehen, bald abwärts sie in Quinten schlendern und überall den Wohlklang hendern.
So ist der Delinquent erschreckt! Sogar der C. f. wird defekt und springt aus den gewohnten Bahnen und krümmt sich wie ein Kind beim Zahnen ... bis endlich solcher Trauerschlacht der Chef ein ruhmlos Ende macht: „Nun endlich fertig mit der Laube! Was denken Sie, wie erst bei Straube in Leipzig wird L.O. getrieben! Wo wären Sie bei ihm geblieben mit solchen üblen Stümpereien!" -
Dann tritt man wieder in die Reihen. Der nächste Arme reitet vor und tut die Schuldigkeit als Mohr. Aber auch er bestärkt in dir: Der Mensch ist ein geplagtes Tier.
(LO ist die Abkürzung für „Liturgisches Orgeispiel")
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Mit dem Komponisten Stefan Heucke, der zunächst in Stuttgart bei Renate Werner Klavier studierte, ist mein Bruder Ulrich im Kontakt. Heucke hat ein Quintett geschrieben in gleicher Besetzung wie das Schubertsche Forellenquintett, welches wir früher in Familienbesetzung zu Hause musizierten...
Aus der Korrespondenz zwischen den beiden sei hier eine köstliche Anekdote zitiert:
"...Selbstverständlich sagt mir der Name Hermann Keller etwas! Jürgen Uhde, den ich durch Renate Werner noch gut kannte, erzählte von Ihrem Vater immer folgende Geschichte: Ihr Vater hatte bei einer Aufnahmeprüfung eine junge Aspirantin gefragt, was denn eine Fuge sei. Darauf antwortete besagtes Mädchen: "A Fug, des isch ebbes, wo ma nemme drinnei kommt, wemmer amal drauskomme isch!"
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